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Michael Vogt im Gespräch mit dem Sachbuchautor Richard Fuchs über das große Geschäft mit dem Organhandel.

Der Markt der Transplantations- und Pharmaindustrie ist viele Milliarden schwer. Die neuen Fallpauschalen für Transplantationen liegen zwischen 50.000,– und 80.000,– Euro. Besonders gefragt sind Privatpatienten und Ausländer gegen Bares oder Auslandseinsätze.

In Zeiten der Marktwirtschaft wird die Transplantationsmedizin nicht nur durch den Bedarf gesteuert, sondern auch von den kommerziellen Interessen der Akteure, nicht zuletzt auch von der Pharmaindustrie, die mit dem Verkauf von Immunsuppressiva Milliardenumsätze tätigt. Nur so erklärt sich z. B. die Tatsache, daß ein wesentlicher Teil der Herz- oder auch Leberempfänger unter Verzicht einer Transplantation mit einer konservativen Behandlung genauso lange gelebt hätte.

Wann immer es um Entscheidungen zu Fragen der Transplantationsmedizin geht, sind die entscheidenden Positionen mit Lobbyisten besetzt und immer am Zuge. Ob im Bundesministerium für Gesundheit, in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, in der Bundesärztekammer, im Nationalen Ethikrat, in der Enquete-Kommission «Ethik und Recht der modernen Medizin», an der Spitze der beiden großen Kirchen oder im Präsidium des evangelischen Kirchentages. Wegen ihrer vorauseilenden christlichen Moral sind Kirchenvertreter als Lobbyisten besonders gefragt, obwohl sie im Dienste der Transplantationsmedizin eine Ethik der Interessen und nicht der Würde des Menschen vertreten müssen.

Anders als bei anderen Medikamenten bestimmt der operierende Arzt in der Klinik ein für alle Mal, welches Präparat der Organempfänger nehmen wird. Es sind also wenige Spezialisten in den Transplantationszentren, die über Milliardenumsätze der Pharmakonzerne entscheiden…

…und andererseits: Nach Aussagen des Novartis-Chefs Daniel Vasella sind die Marketing-Ausgaben des Konzerns fast doppelt so hoch, wie die für Forschung. Originelle Ideen zahlen sich besonders bei der Verkaufsförderung von Immunsuppressiva aus. Das Schulungsprogramm für die Transplantationskoordinatoren und Ärzte wurde lange Zeit von Sandoz (heute Novartis), dem Hersteller von Sandimmun, dem Marktführer immunsuppressiver Medikamente, finanziert. Die Marketingüberlegung war, jeder überzeugte Angehörige eines «Hirntoten», beschert auf der Organempfängerseite einen lebenslangen Konsument der teuren Medikamente.

Hier muß an das Zustandekommen des Transplantationsgesetzes erinnert werden, das zu Recht als Organbeschaffungsgesetz bezeichnet werden kann. Seinen Ausgang fand das Gesetz in den Organisationszentralen der gemeinnützigen Vereine KfH/DSO (Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation/Deutsche Stiftung Organtransplantation) in Neu-Isenburg, die zu den Nutznießern zählen. Der Entwurf des Gesetzes wurde 1994 als Antrag im Bundesrat eingebracht. Verfasser war Dr. Thomas Zickgraf in enger Abstimmung mit der KfH/DSO. Zickgraf war zu dieser Zeit Abteilungsleiter Gesundheit im hessischen Landesministerium für Gesundheit in Wiesbaden. Als Belohnung bekam er nach Beendigung seiner Arbeit einen Geschäftsführerposten bei der DSO und konnte in dieser Eigenschaft während des Gesetzgebungsverfahrens in Anhörungen die Interessen der DSO vertreten.